Die Zukunft der IFA, bleibt sie in Berlin?

Bleibt die IFA in Berlin?

Trennungsgerüchte zwischen der gfu/IFA und der Messe Berlin

Die gfu will eine neue ganz andere IFA. Doch die Messe Berlin hat dafür kein Konzept aber Personalprobleme

Jens Heitecker

Die Zeiten der absoluten Freundschaft zwischen der gfu und der Messe Berlin scheinen der Vergangenheit anzugehören. Es knirscht so richtig zwischen den langjährigen Veranstaltern der IFA. Lange konnten beide den Deckel auf den Auseinandersetzungen über die Zukunft der IFA halten. Was ist denn da bei der Messe Berlin los? Noch am 5. Mai war Jens Heithecker „Mr. IFA“ und Direktor bei der Messe Berlin, und am 6. Mai wurde er freigestellt – fristlose Entlassung gemunkelt. Mit Verzögerung musste Dirk Koslowski ebenfalls seinen Schreibtisch räumen. Pikant, eigentlich war er als Ersatz für Heithecker vorgesehen, stolperte dann aber ebenfalls über die Causa Heithecker.

Ehemaliger Messe-Chef Christian Göke hatte neue Pläne

Oder war es eher eine Causa Dr. Christian Göke? Der hatte 2020 als Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin anlässlich seines 20-jährigen Firmenjubiläums seinen bis 2022 laufenden Vertrag vorzeitig gekündigt. Er wechselte als Generalbevollmächtigter in die Familienholding Vesica, ein Unternehmen der Familie Gegenbauer. Ein durchaus normaler Vorgang, wäre da nicht die Verquickung mit dem britischen Messeveranstalter Clarion Events, hier hat der Globalinvestor und ehemalige Arbeitgeber von Friedrich Merz, Blackrock mit Investor Warren Buffet, seine Finger mit im Spiel. Und von Clarion Events wurden die guten Verbindungen von Göke zum IFA-Veranstalter gfu genutzt. Die nämlich ist in ihrer langjährigen Ehe mit der Messe Berlin nicht mehr so recht glücklich. Man will sich weiterentwickeln und hat Pläne, in denen die Messe Berlin nur noch als Vermieter und nicht mehr als Mitveranstalter ihren Platz haben soll. Ein guter Nährboden für die Kontaktaufnahme von Clarion in der Person Dr. Göke mit der gfu. Das ist Geschäft, und daran ist wahrlich nichts unredlich.

Dr. Christian Göke

Doch das sieht man in Berlin am Messedamm ganz anders. Denn laut Tagesspiegel geht das Konsortium um Clarion recht aggressiv in seinen Verhandlungen vor und droht sogar damit, die IFA könnte aus Berlin abwandern. Fatal, denn die IFA hat einen fest eingeplanten Platz in der Finanzbilanz des Berliner Senats. Die Einnahmen sollen auf keinen Fall in die privaten Taschen von Gegenbauer und Clarion Events fließen.

Doch warum ist Jens Heithecker als Angestellter der Messe Berlin über diese Gespräche zwischen gfu und Göke so folgenschwer gestolpert? Er soll Gökes Maulwurf in Berlin gewesen sein, berichtete Channelobserver. Heithecker soll Informationen aus den Gesprächen Messe Berlin und gfu direkt an seinen früheren Chef Göke weitergeleitet haben. Mit Erfolg, denn mittlerweile sollen nach bisher aber nicht bestätigten Informationen gfu, Aquila (Göke) und Clarion Events ein neues Konsortium gebildet haben, um eine eigene IFA auf die Beine zu stellen und die Messe Berlin auszubooten. Aufgeflogen ist die Spionageaktion laut Berliner Morgenpost offenbar im Zuge einer Untersuchung durch Deloitte-Wirtschaftsprüfer. Mit möglicherweise einer Strafverfolgung für Heithecker, denn es ist von „Geheimnisverrat“ die Rede. 

Vertrag gfu -. Messe Berlin für die UFA läuft 2023 aus

Verständlich, dass diese Entwicklung die Gespräche über die Verlängerung des Vertrags zwischen gfu und Messe Berlin, der im nächsten Jahr ausläuft, deutlich belastet und dem Göke-Konsortium in die Hände spielt. Zumal die gfu die Markenrechte an der IFA hält und damit die Messe Berlin am kürzeren Hebel sitzt. Es ist auch die Rede von einem Vertragsentwurf, den die gfu der Messe Berlin schon im Januar vorgelegt hat, der den Berlinern die Launen verdorben hat. Messe-Insider sprechen von „einem Knebelvertrag“ mit der Konsequenz, dass „alle Chancen bei dem Konsortium liegen, alle Risiken bei der Messe und dem Land Berlin“. 

Ideengeber Christian Göke steigt aus dem Joint Venture aus

Jetzt hat sich Christian Göke aus dem geplanten IFA Joint Venture zurückgezogen aber nochmal seine Überlegungen für eine IFA-Zukunft dargelegt: „Um die Marke IFA und den Messestandort Berlin sichern zu können, ist die Integration der physischen Messe in ein digitales Eco System zwingend. Mein Engagement in dieser Hinsicht setzt sich im Markt immer weiter durch“, so der langjährige Chef der Berliner Messegesellschaft Dr. Christian Göke. Derzeit verhandeln die Messe Berlin GmbH und die Clarion Events Ltd. sowie die gfu über die weitere Zukunft der größten Unterhaltungs- und Konsumgüterelektronikmesse.

Es komme nunmehr auf den Willen aller Beteiligten an, zügig zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen. Er habe die Herausforderungen lange kommen sehen und darauf hingewirkt, die Folgen zum Wohle des Standortes Berlin und der Messe Berlin zu beherrschen. „Bereits kurzfristig wird die Messe Berlin erheblich in den Aufbau digitaler Plattformen investieren müssen“, so Göke. Seine Expertise hatten die gfu und Clarion Events im Zuge der Pandemie zur Fortentwicklung der IFA angefragt.

Göke fordert unternehmerische Weitsicht. Unternehmen benötigen Klarheit. Sie investieren mit ihrem Know-How und finanziellen Mitteln in den Umbau physischer Messen, um diese in digitale Eco-Systeme zu integrieren. Politik und Messegesellschaften, aber auch Rechteinhaber einzelner Messe-Marken stehen unter Erfolgsdruck. Durch den zunehmenden Wettbewerb wird die Zeit für einzelne Messestandorte immer knapper, auch künftig im Markt als Veranstalter von Messen und nicht nur als Vermieter von Quadratmetern bestehen zu können.

„In der Branche wird künftig derjenige, der den besten Zugang zu den meisten internationalen Fachbesuchen hat, die besten Chancen haben, die größte Messe für die Branche zu veranstalten“, so Christian Göke. „Mir ging es darum, die IFA wettbewerbsfähiger zu machen und langfristig für den Standort Berlin zu sichern.“

Bleibt die IFA in Berlin oder gibt esneuen deutschen oder sogar europäischen Standort?

Sicher wird auch die IFA 2023 wieder in Berlin stattfinden, doch für 2024 werden in Frankfurt, Köln oder Düsseldorf schon die Teppichböden gesaugt. 100 Jahre IFA (Funkausstellung) Tradition könnte möglicherweise ein Ende finden. Wer in den Analen der Funkausstellung blättert, findet in den 50-er Jahren eine Veranstaltung in Frankfurt, und Anfang der 80-er gab es auch zweimal eine HiFi in Düsseldorf.

Dr. Sara Warneke, Geschäftsführerin der Branchenorganisation gfu
Dr. Sara Warneke, Geschäftsführerin der Branchenorganisation gfu Consumer & Home Electronics GmbH.

Darüber sprachen wir mit Dr. Sara Warneke, Geschäftsführerin de gfu. Zugegeben, das Gespräch war weniger informativ, den Frau Warneke hielt sich an den bekannten Spruch, „zu einem laufenden Verfahren können wir keine Aussagen machen“. Trotzdem bestätigte sie die Verhandlungen mit Clarion und ebenso die erheblichen Differenzen mit der Messe Berlin. „Eine Messe muss sich weiterentwickeln, es ist heute nicht mehr damit getan, einfach ein paar Stände in die Hallen zu stellen und dann zu warten, dass die Besucher kommen.“ Für diese Weiterentwicklung aber scheint die Messe Berlin bisher keine Ideen entwickelt zu haben! Ob Clarion diese hat, werden wir wohl bald erfahren. Es geht darum die IFA interessanten für Konsumenten, Handel und Industrie attraktiver zu machen und ihren Marktwert international noch weiter auszubauen. Immerhin tritt man global gesehen gegen den großen Rivalen CES in Las Vegas an.  Dazu zitiert die FAZ aus einem Gespräch mit Volker Klodwig: „Mir war klar: Nach dem Motto, wir machen einmal im September in Berlin das Licht an, das reicht nicht mehr aus.“ Denn heute sei es so, sagte Klodwig im Gespräch mit der FAZ, dass eine physische Veranstaltung mit einer digitalen Verlängerung verbunden werde. Es gelte, 365 Tage im Jahr eine Plattform zu nutzen, also Handel und Konsumenten digital ganzjährig und global zu erreichen. „Als Branchenhöhepunkt kommt dann die physische Messe“. 

Volker Klodwog, BSH

Beim Stichwort international stellt sich naheliegend auch die Frage nach einem zukünftigen Standort einer IFA, und hier bekam das Gespräch mit der gfu-Geschäftsführerin eine pikante Note. Sie nannte natürlich keinen neuen Austragungsort, brachte aber beiläufig auch andere europäische Metropolen ins Gespräch. Der IFA-Vertrag mit der Messe Berlin läuft noch bis 2023, doch ob es im nächsten Jahr noch eine IFA in Berlin geben wird, ist ungewiss. Gegenüber der FAZ äußert der gfu-Aufsichtratsvorsitzende Volker Klodwig seinen Wunsch, die IFA auch 2024 in Berlin zu haben – zum 100-jährigen Jubiläum der Funkausstellung. Aber wenn man nicht zu einer Lösung komme, so Klodwig, „sind wir aufgefordert, dieses Format auszuschreiben, eventuell international.“

Es wird wohl darauf ankommen, wer der gfu und dem neuen Konsortium das beste Konzept verbunden mit dem besten Angebot machen wird. Es könnte ja auch wieder die Messe Berlin sein.

Noch eine Petitesse am Rande: Auch die beiden Berliner Aufsichtsräte Sonja Groneweg und Alexander Pett wurden ihrer Ämter enthoben. Der Tagesspiegel spricht von einer „Strafaktion“, weil Groneweg und Pett zum Lager der Gfu gehören würden.